Wong Kei Ying

In Kung Fu by Kung Fu München

Der Vater von Wong Fei Hung

Die Heldentaten Wong Fei Hung’s Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind den Kung Fu Anhängern, und besonders denen in Süd-Ost-Asien wohlbekannt. Dies ist hauptsächlich Kwan Tak Hing zu verdanken, der den unvergleichlichen Meister in einer äußert populären Filmserie, die über viele Jahre hinweg ausgestrahlt wurde, portraitiert hat.

Was ist mit Wong Kei Ying 黃麒英, Wong Fei Hung’s Vater? In den Filmen taucht sein Name fast niemals auf, und wenn, dann wird seine Person fast gänzlich vom strahlenden Ruhm seines Sohnes überschattet.

Wong Kei Ying war ein bemerkenswert geschickter Kung Fu Meister; er war es, nicht sein Sohn, der zu den „Zehn Tigern von Kwangtung“ gehörte.

Und hier die wahre Geschichte über seine Bedeutung im Kung Fu:

Man sagt, dass die „Ng Lan Pakua Speer Technik” von Yeung Ng Long aus der nördlichen Sung Dynastie geschaffen wurde. Innerhalb dieser Techniken gibt es 64 Punkte oder Ausführungsarten, die von den Acht Trigrammen (BaGua) der chinesischen Philosophie inspiriert sind. Von BaGua werden 64 (8×8) Bewegungen abgeleitet. Gewöhnlich nennt man diese Serie von Techniken die Speertechnik der nördlichen Kung Fu Stile. In den südlichen Kung Fu Stilen wird sie Stocktechnik genannt. Stock oder Speer – die Anwendung ist nahezu identisch, lediglich weist der Speer eine zu geschliffene Spitze auf.

Vierzehn Schlüsselworte eröffnen den Weg zu einer wirkungsvollen Anwendung des Stockes, bzw. des Speeres. Frei übersetzt lauten diese Worte folgendermaßen:
Lang, kurz, hart (gong), weich (yau), ablenken, gerade, oben, unten, abwehren, Brücke, ausweichen, schnappen, heben und schnalzen. Diese Vierzehn-Worte-Führung ist auch unter dem Begriff 13 1/2 Punkte bekannt, denn heben und schnalzen unterscheiden sich kaum voneinander und können nicht einzeln genannt werden. Alle 64 Ausführungsmöglichkeiten sind auf diese 13 1/2 bzw. 14 Punkte zurückzuführen. Diese 14 Prinzipien müssen zunächst vollständig verstanden werden, bevor mit dem Training weitergemacht werden kann.
Die Verbreitung dieser Technik nahm ihren Verlauf von der nördlichen Provinz Kwangtung bis hin zum Süden. Einer, der diese Technik wahrhaft meisterte, war Look Ah Choy. Look Ah Choy (Anmerkung: Diesen Meister findet Ihr auch in unserer Überlieferungskette) war ein berühmter Kung Fu Meister und seine Schülerzahl war schier unendlich. Jedoch gab es da ein Problem; er war nicht bereit, seinen Schülern seine gesamten Kenntnisse weiterzuvermitteln und so gab es viel Geheimes um dieses Können.

Er lehrte seine Anhänger wohl die Stocktechnik, aber er entschlüsselte nicht den Sinn der vierzehn Prinzipien. Es war, als wenn man einem Schuljungen das Schreiben beibringt, ihm aber nicht die Bedeutung der Worte erklärt. Seine Schüler waren enttäuscht. Wong Kei Ying jedoch hatte Glück: Look Ah Choy lehrte ihn, den Sinn dieser vierzehn Punkte zu verstehen, als er schwerkrank zu Bett lag. Darüber gibt es folgende Geschichte:

Wong Kei Ying war ein glühender Verehrer Look Ah Choy’s. Obwohl er anfangs von schwächlicher Natur war, beschloss er alles zu tun, um in seinem Kung Fu weiterzukommen. Innerhalb der nächsten zehn Jahre wurde das Kung Fu zu seinem ganzen Lebensinhalt und er wandte seine ganzen Kräfte dafür auf. Notgedrungen nahm er eine Arbeit als Armeeausbilder in Kwangtung an. Später eröffnete er eine eigene Kung Fu Schule.

Wong war stets ein sympathischer, freundlicher Mensch, der die Dinge leicht nahm. Die Zahl seiner Schüler, die unter seiner Anleitung lernten, wuchs täglich. Es gab jedoch noch eine weitere Kung Fu Schule, die von einem Lehrer namens Kam geführt wurde. Kam’s Schule gab es schon lange, bevor Wong hierherkam, nun wurde seine Schülerzahl jedoch von Tag zu Tag geringer. Kam war groß und kräftig gebaut, die Leute nannten ihn „den großen Kam“.

An seinen richtigen Namen konnte sich niemand mehr erinnern. Bevor Wong Kei Ying sich an diesem Ort niedergelassen hatte, führte Kam als Lehrer ein sorgenfreies Leben. Nun sah er seine Einkünfte bedroht. Er betrachtete dies als ausgesprochen unfair und als von irgendwelchen Streithähnen angezettelte Kampagne gegen ihn. Um Wong aus dem Geschäft zu drängen, forderte er ihn zum Kampf heraus. Es gab jedoch keinen vernünftigen Grund dafür, bestand doch eigentlich keine Fehde zwischen den beiden, und die Dinge würden sich eventuell erst recht gegen ihn wenden, wenn er Wong’s Schule aufsuchte, um dort Krawall zu machen. So kam er auf den Gedanken, dass vielleicht besser wäre, einen öffentlichen Wettkampf auszurufen, und bald darauf erhielt Wong Kei Ying einen Brief, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass er und Kam sich außerhalb des Ortes in einem dreitägigen Kampf gegenüberstehen sollten, der entscheiden würde, wer der bessere Kämpfer mit dem Stock sei. Wong zögerte einen kurzen Moment und sagte dann zum Überbringer des Briefes:

„Übermorgen Nachmittag. Ich werde da sein.“

In jener Zeit war man der Auffassung, dass einer Aufforderung zum Kampf unbedingt Folge geleistet werden müsste und der Kung Fu Lehrer seinem Herausforderer im Kampf gegenüberzustehen habe. Es gab keine Möglichkeit, dem zu entgehen, eine Ablehnung hätte das Ende der Kung Fu Laufbahn desjenigen bedeutet, der diesem Kampf aus dem Weg geht. Wong wusste, dass ein Aufeinandertreffen unvermeidbar war, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als ein Treffen zu vereinbaren. Als der Bote gegangen war, kam Wong zu der Überzeugung, dass Kam seine Herausforderung wohl nicht mit guten Absichten gemacht haben konnte. Zudem war Kam bekannt für seine gewaltigen Kräfte und für seinen so genannten „linkshändig fischenden Stock“; beides war tödlich und unvorhersehbar; besonders bei Schlägen in den Unterleib und gegen die Luftröhre.

Um sicherzugehen, fuhr Wong noch am selben Abend über den Fluss zu Look Ah Choy, um sich Rat zu holen. Look Ah Choy war bereits schwerkrank und lag zu Bett. Wong erzählte ihm von seinem Dilemma, woraufhin Look Ah Choy ein paar Stäbchen holen ließ und sich mit Hilfe einer Kopfkissen im Bett aufstützte. Er begann, Wong die Bedeutung und Auslegung jedes der vierzehn Prinzipien zu erklären, die zur Beherrschung des Stockes notwendig waren. Während er sprach, hielt Wong einen Stock in der Hand und versuchte alle Bewegungen, die ihm sein Meister zeigte, nachzuahmen.

Es dauerte nicht lange bis Wong die Bedeutung jener vierzehn Prinzipien verstanden hatte, da er bereits zuvor schon lange mit dem Stock zu üben begonnen hatte. Jedoch fehlte ihm bislang das Verständnis für diese vierzehn Worte, was die Anwendung erschwerte. Nun war nur noch die Korrektur einiger Schönheitsfehler nötig, um das Ganze zu vervollständigen. Vielleicht war sich Look bewusst, dass seine Tage gezählt waren, sonst hätte er vielleicht nicht das so lange streng gehütete Geheimnis gelüftet – den Schlüssel zu der Tür, hinter der sich die vollkommene Beherrschung der Stocktechnik befand.

Am vereinbarten Tag zog Wong in Begleitung zweier Schüler los, um sich mit seinem Herausforderer zu messen. Das Aufeinandertreffen der beiden Kung Fu Lehrer war bereits stadtbekannt und es hatte sich eine große Menschenmenge eingefunden, um dem Wettkampf beizuwohnen.

Kam, einen Stock in der Hand, war bereits in Begleitung anderer Schüler am Ort des Geschehens, als Wong eintraf. Die Menge rückte beiseite, um Wong durchzulassen. Kam trat heran und fragte:

„Bist du Wong Kei Ying?“ Wong nickte und Kam sagte: „Ich bin der große Kam.“

Damit endete die Begrüßung und Kam verlagerte sein Gewicht nach hinten in einen Cat-Stance, den Stock in der Hand wie ein Fischer seine Angel, zum Kampf bereit. Wong stellte sich Kam gegenüber, den Körper seitlich gewandt. Er wirbelte seinen Stock durch die Luft, ging jedoch nicht zum Angriff über, denn er wusste, dass derjenige, der mit dem Angriff beginnt, oft der Verlierer ist. Er war sich dessen bewusst, dass Kam kein leichter Gegner war und konnte es sich deshalb nicht leisten, überstürzt zu handeln. Kam wurde ungeduldig und sagte:

„Wie soll der Kampf entschieden werden, wenn du nicht angreifst?“
Daraufhin antwortete Wong: „Du bist es, der diesen Kampf wollte, also ist es logisch, dass auch du anfängst zu kämpfen.“

Kam blieb keine andere Wahl, als seinen Stock zu heben und in Wongs Umfeld einzudringen. Wong wandte blitzschnell das Prinzip „heben“ an, um die Spitze von Kam’s Stock nach oben zu drücken und wechselte dann zu „abwehren!“, wodurch beide Waffen ein Kreuz bildeten. Beide Kämpfer versuchten nun, über den anderen zu dominieren, da der erhobene Stock einen großen Vorteil darstellte. Somit blockierten sich die beiden Stöcke für eine Weile gegenseitig. Kam wechselte dann über zur Technik „der Hahn packt den Reis“, um Wong’s Vorhand zu treffen und einen angemessenen Angriff gegen seinen Oberkörper und Unterleib zu starten. Wong verteidigte sich indem er das Prinzip „schnappen“ anwandte, um Kam’s Waffe weg zu stoßen. Er setzte an, in Kam’s Brust zu stoßen. Es war zu spät für Kam. Er fiel mit seiner Waffe zu Boden. Wong wandte große Anstrengungen auf diesen fatalen Vergeltungsschlag. Kam brauchte eine ganze Weile, um sich zu erholen und verließ dann geschlagen als Verlierer den Kampfplatz.

Quelle
aus der nicht mehr erscheinenden REAL KUNG-FU, ca. 1976